
Strada senza Uscita 5. November 2009

— Straße ohne Ausgang–
Genau das ist Rom. Erst mal drin, findest du die Notbremse nicht mehr. Nach vier Wochen Rom habe ich beschlossen, mich der Kultur und der Geschichte dieser Stadt zu stellen. Ein Fehler, nicht nur, weil die Eintrittsgelder teuer sind, sondern permanent Touristen meinen Weg kreuzen. Klar, man könnte jetzt behaupten, ich wäre einer von ihnen. Nein, wie auch zu Hause pflege ich hier meine Haupstadtarroganz und fühle mich als Römer. Schließlich habe ich eine eigene Tasse hier.
Aber zurück zum Thema. Museen, Kirchen, Gallerien – von allem gibt es hier zu viel. Alles schaffen ist nicht möglich, nicht in hundert Jahren. Also versuche ich wenigstens die wichtigsten Sachen abzuhaken. Aber jedes Mal, wenn ich etwas „erledigt“ habe, falle ich über fünf nächste super wichtige Stolpersteine der Kultur.
So auch heute. Ich war in der Villa Borghese und sah endlich Berninis David sowie Apoll und Daphne. Innerlich setzte ich wieder einen Haken. Zufrieden und hach so kulturell gesättigt. Doch Rom lacht immer zuletzt. Gehässig. Im Shop kaufe ich mir ein Buch über meinen neuen Lieblingsbarock-Künstler Bernini und entdecke, welche wirklich wichtigen Werke ich noch nicht gesehen habe. Deprimiert mache ich mich auf den Rückweg und will mich mit Shoppen ablenken.
Ein niedliches blaues „Made-in-Italy“-Kleid kommt da genau gelegen. Doch die Freude reicht genau fünf Minuten. Da kreuzt nämlich die Galleria Doria Pamphilij meinen Weg. Laut Werbung für das teure Eintrittsgeld hängt hier das Innozenz-Portrait von Velazquez, welches wiederum Francis Bacon inspiriert hat. Muss man gesehen haben.
Continuare a immaginare il tuo proprio mondo… 17. Oktober 2009
…lo costruiremo insieme. („Stell dir deine Welt vor, wir werden sie zusammen bauen“ oder „3 mal 3 macht 6 wiedewiedewitt und 3 macht 9e. Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt“.)
Rom, die Venusfalle, hat mich wieder. Die alte Liebe erlebt einen neuen Frühling. Letztens bei klirrender Kälte hat sie mir mit einem kleinen Sonnenstrahl über die Wange gestreichelt und da hatte sie mich wieder. Die zärtliche Berührung zauberte mir ein Lächeln auf das Gesicht, das bis jetzt anhält. Ich kann ihr halt einfach nicht lange böse sein.
Klar, es ist es chaotisch und klar, hier läuft nichts, wie es sollte. Doch in diesem Chaos hat alles irgendwie seinen Platz – nur muss man ihn sich erkämpfen. Das tue ich – kraft meiner Wassersuppe, im Bus, an der Uni, im Centro Storico, in Rom, In Italien.
Es hat sich gelohnt – ich bin wieder verliebt. In nur zehn Schritten:
(1) Ich habe eine Wohnung in einem der beliebtesten Stadtteile von Rom.
(2) Ich war bei Ikea Roma.
(3) Ich habe ein Plausch mit einer Renterin auf Italienisch gehalten.
(4) Ich wohne mit echten Italienern zusammen, die echtes Romanesco sprechen und habe eine Autofahrt mit ihnen
überlebt. Che cazzo!
(5) Ich gehe mit meinen Mädels zum Sport, ach was sage ich, in ein abgefucktes Fitnessstudio, wo ich die einzige
Blondine bin und aber mal so gar nichts vom Bauch-Beine-Po-Kurs verstehe!
(6) Ich stottere Italienisch und wenn noch so oft alle Englisch mit mir reden.
(7) Ich trinke Kaffee nach elf ohne Milch. (Schwarz soll ja auch schön machen *g*)
(8) Ich lese mein erstes italienisches Buch.
(9) Ich muss nicht mehr ständig den U-Bahn-Plan studieren, um zu wissen, wie ich irgendwo hinkomme.
… und 10) Ich gehe über die Straße, wann es mir passt.
Ich denke, das mit Rom und mir – dieses Mal ist es was Ernstes!
Italienisch für Anfänger: La Domenica 14. Oktober 2009
Der Domenica ist der Sonntag und wie viele italienische Wörter geht auch mit ihm ein bestimmtes Gefühl einher. Für die Deutschen, wohlgemerkt geschäftstüchtige Protestanten, ist der Sonntag ein ruhiger Tag. Man verbringt ihn in Familie, morgens gibt es ein Ei, nachmittags Kuchen und Telefonate mit der Familie.
Der gemeine Römer, Katholik, aber im Tiefinneren eher pragmatisch als religiös, hält es am Sonntag etwas anders. Nein, er geht nicht in die Kirche. Wir wollen ja nicht päpstlicher sein, als der Papst. Wo kommen wir denn dahin. Der Römer kann nicht ohne Chaos und schon gar nicht ohne Lärm. Deswegen zieht es ihn auf das Land. Wer jetzt denkt, das widerspräche sich, der hat weit gefehlt. Denn am Sonntag fährt jeder, und damit meine ich wirklich JEDEN Römer, auf das Land. Die Stadt ist leer, dafür sind die Autobahnen, Landstraßen und vor allem Bergstraßen im Römer Umland, dem Lazio, völlig dicht.
Und wo fährt man dann so hin? Na, da wo alle sind … am vergangenen Sonntag war das das „Kartoffelfest“ in Leonissa. 150 Kilometer entfernt von Rom. Sonst verträumt, erfuhr das Bergdorf, wie jedes Jahr um diese Zeit, einen explosionsartigen Ansturm. Für vier Stunden am Sonntag hatte sich quasi ganz Rom in einen kleinen verträumten Ort weggebeamt. Zwischen Wildschweinsalami, Trüffel und Crepes schoben sich tausende laute, rauchende, schreiende, lachende oder streitende Italiener durch die vier-Meter-breiten Gassen. Ihr Ziel: der Marktplatz, nicht größer als ein Plus-Parkplatz. Dort lockte ein großes Zelt. Für zwölf Euro boten pfiffige Bauern den ausgehungerten Städtern (150 km = 2 h ohne mangiare) vier Schalen Kartoffel-Spezialitäten, ein Glas Wasser, ein Glas Wein. Letzteres aus Kanistern und trotzdem besser, als die Brüder in deutschen Supermärkten.
Es folgt das große Fressen. Wenn alles verschlungen ist (nebenbei läuft eine Live-Vorstellung des Musikantenstadls auf Italienisch mit vorangehender Blutrede des Bürgermeisters), schnell noch etwas „dolce“, das im Schnitt doppelt so viele Kalorien wie das Essen vorher hat, dann noch einen Blick auf die Landschaft („oh, che bello!“) und wieder ab nach Hause. Im Enddefekt ist es da nämlich am Schönsten. Ach so, noch schnell die billigen Kartoffeln kaufen.
Und weil das am Domenica alle so machen, verbringt der Römer die meiste Zeit desselben im Auto. Hupen, aus zwei Spuren Autobahn drei oder auch vier machen, Vollgas geben, dann zwei Zentimeter vor dem Kofferraum des anderen aus 120 km/h eine Vollbremsung probieren und anschließend „Che cazzo!“ brüllen.
Unsere Bilanz:
Hinfahrt=2h, Essen+Spaziergang=2h, Rückweg=3,5h
Aber wen stört das schon. Das gehört eben dazu. Und dreieinhalb Stunden Schimpfworte brüllen ist für den gemeinen Römer wahrscheinlich auch die beste Erholung. Das reicht dann bis zum nächsten Domenica.
Più tedesca per diventare Romana 11. Oktober 2009
Ich bin eingezogen, habe jetzt meine eigene kleine Welt in Italien. Am Anfang war es noch ein kleiner, kahler Raum, in dem meine 35 Kilo Gepäck aussahen wie ein Witz. Mittlerweile war ich jetzt schon zwei Mal bei Ikea Rom und ich muss sagen – es macht sich. Was Vorhänge und ein bunt bezogenes Bett so ausmachen können. Aus der Wand stehende Nägel habe ich mit grünen Dackelarsch-Kleiderhaken verdeckt. Alte Posterschnitzer in der Tapete kaschieren Vespa-Plakate oder kleine Postkarten. Ein Hoch auf schwedisches Design.
Mein Zimmer ist wie mein Leben hier. Ein kleiner Raum, den ich nach und nach mit Leben fülle oder es zumindest versuche. Jeden Tag kommt ein kleines Wort Italienisch dazu genauso wie ein Foto oder ein Gegenstand, mit dem ich mein Zimmer fülle. Jeden Tag gehe ich lässiger mit dem römischen Chaos um und manchmal muss ich sogar lachen, wenn ich eine aufgetakelte Mit-50er-Römerin beobachte, die sich im Bus schon zwei Stationen vor dem Aussteigen auf dasselbige mit beiden Ellenbogen vorbereitet.
Und trotzdem: Ich werde von den Italienern nicht ernst genommen. Verdammt – ich habe eine Wohnung in Rom, bin eingeschriebene Studentin, spreche Italienisch und kann sogar üble Anmachen mit römischen Beleidigungen („Cazzo!“) kontern. In 14 Tagen habe ich alle wichtigen Sehenswürdigkeiten gesehen, bin an Papst J.P. II’s Grab gewesen, habe schon sieben Mal Pasta gegessen und gefühlte 200 Caffè getrunken. Ich weiß, dass Cappuccino nach 11 eine Beleidigung ist und dass man Abendbrot erst ab 9 isst. Und ich weiß, dass wir hier nicht einfach Italiener, sondern Römer sind.
Dennoch erachtet mich hier jeder als Tourist. Bei McDonalds wartet man alle Italiener in der Schlange ab, um sich dann vor mich zu drängeln. Das Blondchen kann sich ja eh nicht wehren. Und selbst wenn ich mal einen grammatikalischen korrekten Satz von mir gebe, schauen mich die Römer gelangweilt an und antworten auf Englisch oder Deutsch. Nur den Schaffner vermag ich etwas zu verblüffen, wenn ich ihm stolz mein Metrobus-Studententicket zeige.
Aber woran liegt’s? Bin ich noch zu sehr Berliner, um Römer zu werden? Hauptstadtarroganz auf Italienisch kann doch nicht so schwer sein, oder? Der Freund meiner Mitbewohnerin sagte letztens: „Sorry, but you don’ t look Italian.“ Manchmal kann das Leben so verdammt einfach sein.



